Willisau. Aus den Kilbitagen der sechziger Jahre des vorigen Jahrhunderts mag folgende originelle Begebenheit in Erinnerung gerufen werden. Unser diensttuende Nachtwächter – es waren bekanntlich zwei im Amte – Michel Suppiger, Schneidermeister an der Spitalgasse, hatte soeben den zehnten Stundenruf ausgetönt und wanderte mit dem Vinzenz Wermelinger, vulgo Chüemichelvizenz, der das Amt eines Heimliwächters besorgte, die Strassen auf und ab. Da begegnete ihnen mitten im Städtchen der Mathias Meyer, damals besser bekannt unter dem Namen Chrutnagel; er war just aus dem Zuchthaus entronnen. Die Solothurnerkathri, ein beständiger Wallfahrtsgast im „Schlüssel“ dahier, will ihn z’Blatten bim Sankt Jost schon bemerkt haben. Chrutnagel war bekanntlich ein gefürchteter Kirchendieb. Unsere Wächter getrauten den Sabel nicht zu ziehen, in der sicheren Meinung, er könnte obenauf schwingen. Chrutnagel erkannte sofort die Situation, schwang den Hut, und zog fürbas nach dem Schülenberg, wo er früher heimatrechtig war. Aber auf dem Menzberg ereilte ihn das Schicksal; er wurde mit Hilfe einiger Bürger von dem grossen Polizeiwachtmeister Krell arretiert und für einige Zeit im oberen Turm Willisau einlogiert. In den Achtzigerjahren wurde unser Mathias, durch Vermittlung von Schultheiss Segesser sel., begnadigt und vom damaligen Schlüsselwirt dahier erhielt er das erste Freilogis. Aber die Liebe zum früheren Handwerk kehrte bald wieder bei ihm ein; er soll als reuiger Sünder in der Pension Hügi gestorben sein. Unrecht Gut tut nicht gut!

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